Bensheim | 7. Juli 2025 Was tun, wenn Wasser ins Archiv eindringt? Wie lassen sich nasse Akten und historische Dokumente vor dem Verlust retten? Es sind Szenarien, die sich keine Archivarin und kein Archivar auch nur ansatzweise vorstellen möchte. Dennoch gilt es, vorbereitet zu sein für einen Notfall, der hoffentlich nie eintritt. Im Mittelpunkt eines praxisnahen Notfallworkshops, den die Archivberatung Hessen gemeinsam mit dem Stadtarchiv Bensheim und der Freiwilligen Feuerwehr Bensheim-Mitte veranstaltete, stand daher die Frage, wie eine sinnvolle und effektive Erste Hilfe für historische Schätze aussehen sollte.
30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus südhessischen Archiven sowie Vertreter der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und der Kreisverwaltung nutzten die Gelegenheit, um den Ernstfall zu proben. Nach einer theoretischen Einführung ging es direkt zur Sache: Mit Gummihandschuhen, wasserdichten Schürzen und durchweichten Dubletten aus dem Stadtarchiv trainierten die Beteiligten die Erstversorgung von beschädigtem Archivgut – von der Bergung bis zum Einwickeln in Folie. Nur auf den nächsten und überlebensnotwendigen Schritt, das Einfrieren, verzichtete man. Wobei das bei hochsommerlichen Temperaturen sicherlich ein angenehmes Unterfangen gewesen wäre.

Deutlich wurde, dass im Notfall jeder Handgriff sitzen muss: Feuchte oder durchnässte Dokumente können innerhalb kürzester Zeit von Schimmel befallen werden – und damit für immer verlorengehen. So droht im schlimmsten Fall der Verlust wertvoller Zeugnisse der Stadtgeschichte.
Die eigentliche Rettung beginnt oft mit dem Einfrieren. In Folie verpackt und tiefgefroren sind Urkunden und Akten vor Schimmel geschützt, bis sie sachgerecht gefriergetrocknet werden können. Doch nicht jedes Material eignet sich für diesen Weg. Filme, CDs und Fotos sollten möglichst rasch an der Luft getrocknet werden – etwa an Wäscheleinen, befestigt mit einfachen Haushaltsklammern.
Als externe Referentin teilte Jana Moczarski, selbstständige Papierrestauratorin und Geschäftsführerin der Leipziger Paperminz-Bestandserhaltung GmbH, ihr Fachwissen. In ihrem theoretischen Teil im Feuerwehrstützpunkt vermittelte sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wertvolle Einblicke in die praktische Notfallvorsorge und das Vorgehen im Schadensfall. Organisiert wurde der erkenntnisreiche Tag von Julia Schneider (Archivberatung Hessen) und Daniela Druschel aus dem Bensheimer Stadtarchiv, mit tatkräftiger Unterstützung durch Jürgen Ritz von der Bensheimer Feuerwehr.
Ein Schwerpunkt des Workshops lag außerdem auf der Ausstattung für den Notfall. Vorgestellt wurden spezielle Notfallboxen, die wichtige Utensilien wie Folien, Klammern, Beutel und Wäscheleinen enthalten – einfache, aber im Archivalltag sonst eher unübliche Hilfsmittel, die im Ernstfall den entscheidenden Unterschied machen können. Das Stadtarchiv Bensheim besitzt bereits eine solche Box. „Wir planen aber die Anschaffung einer zweiten Box“, betonte Claudia Sosniak. Die Leiterin des Archivs verdeutlichte, dass es nicht nur einen Plan für den Fall der Fälle braucht. „Es ist das Gedächtnis unserer Stadt, das es unbedingt zu schützen und zu erhalten gilt“, so Sosniak.
Daher ist Vorsorge eminent wichtig: Das wertvollste Archivgut, darunter die älteste Bensheimer Urkunde aus dem Jahr 1320, wird in einem Safe – und damit relativ geschützt – verwahrt. Und moderne Archivkartons bieten überraschend guten Schutz gegen Feuchtigkeit, zumindest für begrenzte Zeit. Unabdingbar ist auch eine Prioritätenliste: Was muss zuerst gerettet werden, damit es nicht unwiederbringlich verloren geht? „Die Liste habe ich im Kopf“, bemerkte Claudia Sosniak. Personenstandsregister, Meldekarten, das Metzendorf-Archiv und historisch bedeutsame Urkunden haben einen Platz weit oben in der Rangliste.
Eine gemeinsame Begehung mit Feuerwehr und THW ist bereits geplant, um mögliche Schwachstellen zu identifizieren. Zudem hält es Claudia Sosniak für notwendig und sinnvoll, einen Notfallverbund der südhessischen Archive zu gründen, damit sich die Einrichtungen bei Schäden gegenseitig unterstützen können.
Mit einem solchen Schaden hatte das Stadtarchiv in der Alten Post bekanntlich vor sieben Jahren zu kämpfen. Im Februar 2018 entdeckten die Mitarbeiter Schimmel an etlichen Archivalien, die bis dahin im Keller gelagert waren. Was nicht befallen war, konnte im Erdgeschoss untergebracht werden. Der kontaminierte Bestand, immerhin 30 Prozent des Archivguts, ging im September 2018 an das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig.
Die Rettungsmission nahm ein gutes Ende, nichts ging verloren. In Leipzig wurden die Unterlagen vakuumgetrocknet, trockengereinigt, verpackt und beschriftet. Im Winter 2019 traten die 61 Paletten die Rückreise an und wurden zwischengelagert. Seit einem Monat sind nun alle Dokumente wieder dort, wo sie hingehören – einsortiert in den Räumen des Bensheimer Stadtarchivs.
Am Ende des Workshops zogen alle Beteiligten ein durchweg positives Fazit. Der praxisorientierte Austausch, die realitätsnahe Übungssituation und die fachkundigen Beiträge wurden als äußerst hilfreich empfunden. Besonders geschätzt wurde die Möglichkeit, in entspannter Atmosphäre Erfahrungen zu teilen, Kontakte zu knüpfen und konkrete Maßnahmen für den Ernstfall einzuüben. Viele Teilnehmende nahmen wichtige Impulse für die Weiterentwicklung ihrer eigenen Notfallpläne mit – und ein gestärktes Bewusstsein dafür, wie entscheidend vorausschauendes Handeln für den Schutz des kulturellen Erbes ist.
Ein Dank ging darüber hinaus an die Feuerwehr. „Wir wurden hier bestens betreut und hervorragend unterstützt“, konstatierten Daniela Druschel und Claudia Sosniak. Begrüßt wurden die Teilnehmenden von Thomas Herborn, Fachbereichsleiter Bildung, Kultur und Tourismus.