Die Bücher kehren in die Regale zurück

Umzug der Stadtbibliothek in die Alte Gerberei hat begonnen

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Regale halb mit Bücher eingeräumt

Bensheim | 5. August 2025 Kartons stapeln sich vor frisch montierten Regalen, während Mitarbeitende der Stadtbibliothek unterstützt von Aushilfen des Parktheaters mit geübten Handgriffen Kiste um Kiste öffnen. Im historischen Gemäuer der Alten Gerberei bezieht die Bensheimer Stadtbibliothek zurzeit schrittweise ihr neues Zuhause.

Nach monatelanger Vorbereitung wird das einst leerstehende Gebäude nach den erforderlichen Sanierungsarbeiten mit Leben gefüllt – genauer gesagt mit mehr als 12.000 Büchern, Medien und Geschichten. Noch steht nicht alles an seinem Platz, aber man spürt bereits: Hier wächst in der Innenstadt ein neuer Ort für Bildung, Begegnung und Kultur, hier entsteht eine neue Heimat für Bücher. Die Alte Gerberei, ein Gebäude mit Geschichte, wird nun selbst zum Ort vieler weiterer Geschichten. Wo vor 150 Jahren Leder gegerbt wurde, soll bald gelesen, gelernt, gespielt und geträumt werden. Die neuen Räume sind offen, hell und einladend. Die offizielle Eröffnung in der Alten Gerberei ist nach aktuellem Stand für voraussichtlich Ende August geplant. 

Ein großer Vorteil beim Umzug, der intensiv unterstützt wurde von der Leiterin des Stadtarchivs, Claudia Sosniak: Nahezu das gesamte Mobiliar aus dem alten Standort im Neumarkt-Center konnte übernommen werden. Regale, Tische, Stühle und Sitzelemente finden nun im neuen Gebäude erneut Verwendung – ein nachhaltiger und wirtschaftlicher Schritt, der zeigt, wie sich Altbewährtes in neuer Umgebung neu entfalten kann.

Die kommenden Wochen werden noch geprägt sein von Organisation, Muskelkraft und Vorfreude. Bücher werden einsortiert, Themeninseln entstehen. Medien für Kinder und Jugendliche bekommen großzügige Flächen. Die Stadtbibliothek will auch auf kleinerer Fläche als bisher mehr sein als ein Ort der Ausleihe – sie will ein Ort des Miteinanders sein. Offen für alle Generationen, für alle Lebenslagen.

Auf der Galerie des denkmalgeschützten Gebäudes, das sich in städtischer Hand befindet, stehen den Besucherinnen und Besuchern dann Sachmedien und Zeitschriften sowie Lern- und Leseplätze zur Verfügung. Darüber hinaus befindet sich dort ein Büro für die Mitarbeitenden der Stadtbibliothek. Zwei Arbeitsplätze mit Internetzugang und Recherchemöglichkeit im Bibliothekskatalog sind ebenfalls auf der Galerie vorgesehen.

Über 12.000 Bücher, Zeitschriften, CDs, DVDs und Tonies finden in der neuen, zentral gelegenen Heimat der Stadtbibliothek Platz. Im Saal werden Romane zur Ausleihe bereitstehen, auf der Bühne die Kinderliteratur, die bereits eingeräumt wurde und in den kommenden Tagen „feinsortiert“ wird. Ein Terminal, an dem die Nutzerinnen und Nutzer ihre Bibliotheksausweise einlesen und Medien selbst verbuchen können, wird ebenfalls im Erdgeschoss installiert.

Ein Teil der Bücher wird künftig in der Alten Feuerwache des Museums, nur wenige Meter entfernt vom neuen Standort, in Rollregalen gelagert. Auch Räume in der Alten Post können nach einer Brandschutzertüchtigung durch den Vermieter als Lager genutzt werden. Dort wurden die hochwertigen Regale aus dem Obergeschoss der bisherigen Bücherei im Neumarkt-Center aufgebaut. Die Stadtbibliothek weist darauf hin, dass nach der Eröffnung sowohl in der Alten Feuerwache als auch in der Alten Post keine Ausleihe möglich sein wird. Der öffentliche Bibliotheksbetrieb findet dann ausschließlich in der Alten Gerberei statt, in der die Sanierungsarbeiten mittlerweile weitgehend abgeschlossen sind.

Die Umsetzung lag überwiegend in den Händen ortsansässiger Firmen, die mit großer Umsicht und Sorgfalt ans Werk gingen. Koordiniert und gesteuert wurden die baulichen Maßnahmen von Architektin Doris Gölz und Architektin Nicole Fabian, Technische Leiterin im Team Gebäude und Freiflächen. Besonders anspruchsvoll waren die Elektroarbeiten, die zu den größten Posten des Projekts zählten. Die Elektrik aus den 1990er Jahren musste vollständig modernisiert werden. Marode Leitungen wurden entfernt, durch zeitgemäße Systeme ersetzt und die Beleuchtung auf energiesparende LEDs umgestellt – ein wichtiger Schritt, nicht nur für die Betriebskosten, sondern auch für die Lichtsituation.

Heizkörper wurden ausgetauscht, eine Sitzstufe vor der Bühne aus strapazierfähigem Buchenholz lädt zum Verweilen und Spielen ein. Die Bühne selbst wird zu einem kleinen Reich der Fantasie. Zwar hat auch hier der Zahn der Zeit am Boden genagt, doch eine teure Restaurierung war nicht nötig – dank der tatkräftigen Hilfe der Veranstaltungsmeister des Parktheaters. Mit ihrem Know-how sorgten sie nicht nur für die notwendige Pflege der Holzböden, sondern installierten unter der Decke auch Stoffbahnen Molton für eine bessere Akustik.

Bereits in Betrieb ist die neue Rückgabebox neben dem Eingang der Alten Gerberei. Der Container befindet sich am Eingangsbereich und bietet eine einfache und komfortable Möglichkeit, Bücher, DVDs oder andere entliehene Medien sicher und fristgerecht abzugeben. Die Mitarbeitenden der Stadtbibliothek leeren den Kasten einmal am Tag und verbuchen die Rückläufer entsprechend. Seit der Schließung im Neumarkt-Center befinden sich noch etwa 4400 Medien im Umlauf. Gebühren für die Ausleihe fallen nicht an. Die Rückgabefrist wurde ein weiteres Mal pauschal bis zum 31. Januar 2026 verlängert.

Aktuelle Infos zur Stadtbibliothek und ihrem Angebot auf der Seite der Stadtkultur, auf der Facebook-Seite der Stadtkultur oder auf der Startseite des WebOPAC.

Hintergrund: Die Alte Gerberei in Bensheim kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Sie wurde 1873 als Rindenmagazin mit Gerberwerkstätte durch den Rotgerber Philipp Franz Müller gebaut. In einem Rindenmagazin wurden die angelieferten Baumrinden gelagert, die dann gemahlen für den Gerberprozess gebraucht wurden. Rotgerber verarbeiteten mit fein gemahlener Baumrinde, meistens Eiche oder Fichte, Tierhäute zu Leder. Mit Eichenlohe gegerbtes Leder ist rot bis braun, daher leitete sich die Berufsbezeichnung ab.

Die Gerberei an der Lauter wurde 1915 an die Großherzogliche Weinbaudomäne verkauft. Nach dem Ersten Weltkrieg ging sie in den Besitz der Verwaltung der Staatsweingüter über, die das Gebäude jahrzehntelang als Wohnung und Weinlager nutzte. 1990 kaufte die Stadt Bensheim das Anwesen und ließ es 1995 komplett sanieren. Ein Jahr später eröffnete dort das Varieté-Theater Pegasus.