Der letzte Großherzog von Darmstadt

Unterhaltsamer Vortrag bei der Stadtteildokumentation Fehlheim

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Bild zeigt Ernst Ludwig von Hessen
Bildinformation: Ernst Ludwig von Hessen, 1905, Foto: Jacob Hilsdorf, als gemeinfrei gekennzeichnet, Quelle: Wikimedia Commons

Bensheim | 28. Mai 2025 Die Ernst-Ludwig-Straße in Bensheim ist vielen durch ihre eindrucksvollen Metzendorf-Villen bekannt – und auch im Kreisgebiet tragen mehrere Straßen diesen Namen. Im Feuerwehrgerätehaus in Fehlheim stand bei den „Historischen Plaudereien“ der Stadtteildokumentation kürzlich der Namensgeber dieser Straßen im Mittelpunkt.

Nach einer launigen Begrüßung durch Klaus Brunnengräber, Leiter der Stadtteildokumentation Fehlheim, führte Carola Heimann, gebürtige Darmstädterin und ehemalige Bensheimer Stadtverordnetenvorsteherin, kenntnisreich und unterhaltsam durch das Leben dieser bemerkenswerten Persönlichkeit. Der Vortrag wurde durch Berthold Mäurers musikalische Beiträge sowie vielfältige Bildpräsentationen anschaulich ergänzt und abgerundet.

Ernst Ludwig, der letzte Großherzog von Darmstadt und bei Rhein, wurde 1868 in Darmstadt als erster Sohn des späteren Großherzogs Ludwig IV. und seiner Gemahlin Alice geboren. Die Kindheit verbrachte er mit seinen fünf Schwestern und seinem Bruder in Darmstadt. Seine Mutter Alice war eine Tochter der britischen Königin Victoria. Ein großer Schatten warf der Unfalltod seines zweieinhalbjährigen Bruders Friedrich, der an der Bluterkrankheit, litt im Jahr 1873. Bereits 1878 verlor er Mutter Alice und Schwester Marie, die an den Folgen einer Diphterie-Infektion starben. Daraufhin kümmerte sich die Großmutter und englische Königin Victoria um einen Teil der Erziehungsaufgaben.

Nach dem bestandenen Offiziersexamen (das Soldatentum gehörte nicht zu seinen Leidenschaften) absolvierte er erfolgreich ein Studium der Rechtswissenschaften. Großmutter Victoria hatte alsbald eine „passende“ Frau für ihn erwählt. Es handelte sich um seine Cousine, Victoria Melita von Edinburgh und Sachsen-Coburg und Gotha. Trotz der unglücklichen Ehe, unter anderem sei Vicotoria Melita ihren Pflichten als Landesmutter nur unzulänglich nachgekommen, wurde die gemeinsame Tochter Elisabeth geboren. Diese verstarb bereits im Alter von acht Jahren an einem Typhus-Infekt. Über den Tod der von ihm angebeteten Tochter kam Ernst Ludwig sein ganzes Leben nicht hinweg. Die auf äußeren Druck zustande gekommene Ehe mit Victoria Melita wurde geschieden.

Ernst Ludwig heiratete 1905 Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich. Als Geschenk errichtete die Stadt Darmstadt den Hochzeitsturm. 1906 wurde Sohn Georg Donatus geboren und 1908 kam Ludwig zur Welt. Großherzogin Eleonore führte das karitative Engagement ihrer früh verstorbenen Schwiegermutter Alice fort und setzte dabei neue Akzente. So beispielsweise in der Mütter- und Säuglingsfürsorge mit dem Ziel, die Säuglingssterblichkeit zu verringern.

Bereits zu dieser Zeit gab es den ersten Berührungspunkt von Carola Heimanns Vorfahren mit der Fürstenfamilie. So stand ihr Urgroßvater als Hofschmied im Dienst des Großherzogs.

Nach der Verfassung des 1806 gegründeten Großherzogtums gab es ein Zweikammersystem. Die erste Kammer bestand im Prinzip aus diversen Vertretern der Aristokratie, wobei der Großherzog kraft Amtes auch Oberhaupt der Evangelischen Landeskirche Hessen war. Für die Katholiken war der örtlich zuständige Bischof, also in der Regel der Bischof von Mainz, zuständig.

Die zweite Kammer bestand aus gewählten Abgeordneten. Diese wurden zeitweise direkt und zeitweise indirekt gewählt. Im weiteren Verlauf wurde das Dreiklassenwahlrecht nach preußischem Vorbild eingeführt.  Darmstadt war in dieser Zeit Garnisonsstadt. Auf damals 70.000 Einwohner kamen 5.000 Soldaten. 

Als nach dem Tod seines Vaters 1892 der Großherzog-Titel auf Ernst Ludwig überging und er die Regentschaft antreten musste, war er 23 Jahre alt. Das aus den Provinzen Oberhessen, Starkenburg und Rheinhessen bestehende Großherzogtum stand vor großen Aufgaben. So war die Industrialisierung mit ihren Folgen und Problemen sehr herausfordernd. Eines seiner Hauptanliegen war das Opel-Werk in Rüsselsheim, welches sich von der Nähmaschinenfabrik zum Automobilhersteller gewandelt hatte. Sein Interesse an Autorennen kam dem entgegen und über seine verwandtschaftliche Beziehung zum Zarenhaus förderte er beachtliche Exporte nach Russland.

Einen Namen machte er sich auch durch die Förderung des nach seiner Mutter benannten Alice-Hospitals, des Landesmuseums in Darmstadt und des Staatsbades in Nauheim. Vor allem aber wurde er durch sein Mäzenatentum für zahlreiche junge Künstler bekannt.

Selbst künstlerisch begabt (er schrieb Dramen und Gedichte, verfasste Theaterstücke, komponierte und interessierte sich für Architektur und Gartenbaukunst) gründete er 1899 die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, welche zum Zentrum des deutschen Jugendstils wurde.

In Weiterführung des „Alice-Basars“ durch Eleonore wurden ab 1908 sognannte „Verkaufstage der Großherzogin“ in wechselnden Städten abgehalten, um soziale Projekte zu unterstützen. So unter anderem auch die 1905 gegründete „Eleonoren Heilstätte“ in Winterkasten. Vielfältig war zudem ihr Engagement im Bereich der Krankenpflege und der Versorgung von Kriegsverletzten in einem eigens dafür umgebauten „Lazarettzug der Großherzogin“, in dem sie selbst mitarbeitete.

Am 9. Oktober 1937 starb Ernst Ludwig in Schloss Wolfsgarten bei Langen.

1918 während der Novemberrevolution verlor er das Amt und den Titel des Großherzogs; einem offiziellen Thronverzicht hat er jedoch nicht zugestimmt. In den 26 Jahren seiner Regierung hatte er das Land nachhaltig geprägt und Grundlagen geschaffen, die vor allem in seiner ehemaligen Residenzstadt Darmstadt auf kulturellem und karitativem Gebiet noch heute wirksam sind: Neben der bereits erwähnten Künstlerkolonie 1907 das Porzellanmuseum in Darmstadt, 1918 das Jagdmuseum in Kranichstein und 1924 das Darmstädter Schlossmuseum. Seine Ehefrau Eleonore stiftete 1908 die „Großherzogliche Zentrale für Mütter- und Säuglingsfürsorge“ in Hessen.

Sohn Ludwig und seine Frau Margaret führten die Tradition der Verkaufstage noch mehrere Jahrzehnte weiter. Carola Heimann erinnert sich lebhaft an einen solchen als Kind in Darmstadt, als Margaret ein rosa Kleidchen hochhielt und ihr lautstark zurief: „Das Kleid hat der Prinz ausgesucht, es ist wie für dich geschaffen.“ 

Mit einem Blumenstrauß bedankte sich Klaus Brunnengräber bei der Referentin sowie mit einem Weinpräsent bei Berthold Mäurer, dessen musikalische Untermalung zu einem würdigen Rahmen beitrug. Gleichzeitig warb der Leiter der Stadtteildokumentation um neue Mitglieder. Interessierte können sich an Klaus Brunnengräber, Mittelstraße 41 in Fehlheim, Telefon 06251/78605, wenden.

Eine gute Gelegenheit, den Betrieb der Stadtteildokumentationen in finanziell schwierigen Zeiten zu unterstützen, ist der Flohmarkt am Samstag, 14. Juni, von 9 bis 14 Uhr im idyllisch gelegenen Museumshof Bensheim. Dort sollte manches Schnäppchen den Besitzer wechseln.  

Fazit eines launigen Abends: Carola Heimanns Vortrag war ein voller Erfolg. Im Feuerwehrgerätehaus Fehlheim blieb kein Platz unbesetzt.