Bensheim | 14. November 2025 Im Parktheater herrscht konzentrierte Ruhe – dort, wo sonst Theatertexte gesprochen oder Konzerte gespielt werden, ging es an diesem Abend im November um Zwischenrufe, Bedrohungen und Schlagworte, die weh tun können. Rund 300 Einsatzkräfte waren an zwei Abenden gekommen: Feuerwehrleute, Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter, Kräfte von THW, Polizei und Stadtpolizei. Sie alle haben eines gemeinsam – sie helfen, wenn es brenzlig wird, wenn Gefahr in Verzug ist. Und sie alle kennen Situationen, in denen Hilfe plötzlich auf Ablehnung, Wut oder gar Gewalt stößt.
Das Deeskalationstraining soll sie auf solche Momente vorbereiten. Zwei Stunden lang vermittelt Dozent Hermann Zengeler, Geschäftsführer des Unternehmens Brand Punkt, wie man Spannungen früh erkennt, wie Körpersprache wirkt, wie Worte entschärfen können – und wie die Männer und Frauen ihre Widerstandfähigkeit stärken können, Stichwort: Resilienz.
Doch schnell wird deutlich: Es geht um weit mehr als um Kommunikationstechniken. Bei einer anonymen Umfrage im Saal zeigt sich, dass viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits beschimpft, bedrängt oder sogar körperlich angegriffen wurden – auch hier, in Bensheim. Der Respekt vor der Uniform habe spürbar abgenommen.
Und trotzdem bleibt das Thema oft ein Tabu. „Man muss den harten Hund auch mal ablegen“, mahnt Zengeler. Doch viele tun sich schwer damit. Wer täglich Leben rettet, will stark wirken, nicht klagen. Angriffe werden selten angezeigt – aus Scham, aus Angst vor Aufsehen oder weil man gelernt hat, wegzustecken.
Dass die Belastung wächst, zeigen auch die Zahlen: In den vergangenen 20 Jahren sind die Einsätze um rund 60 Prozent gestiegen, während die Zahl der Feuerwehren um zehn Prozent und die Zahl der Feuerwehrleute um 22 Prozent gesunken ist. Immer weniger Schultern tragen immer mehr Verantwortung – in einer Gesellschaft, in der Egoismus lauter geworden ist und das Verständnis füreinander leiser.
Wie aktuell das Thema ist, zeigen auch bundesweite Zahlen: Laut dem Bundeslagebild 2023 des Bundeskriminalamts erreichte die Zahl der Übergriffe auf Einsatz- und Rettungskräfte im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand. Besonders betroffen sind Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Helferinnen und Helfer mental, kommunikativ und praktisch auf Extremsituationen vorzubereiten.
Im Mittelpunkt der jeweils zweistündigen Veranstaltung stand das Thema „Mental fit bleiben in Extremsituationen – Deeskalationstraining für den Einsatzalltag“. Die Männer und Frauen lernten, Konflikte frühzeitig zu erkennen, Situationen realistisch einzuschätzen und in angespannten Momenten sicher zu handeln. Neben praxisnahen Deeskalationstechniken ging es auch um mentale Stärke und Resilienz – also darum, nach belastenden Einsätzen gesund, motiviert und handlungsfähig zu bleiben.
Hermann Zengeler weiß, wovon er spricht. Er blickt auf mehr als 40 Jahre Einsatzerfahrung zurück: als langjähriger Stadtbrandinspektor in Bad Soden, Kreisbrandmeister im Main-Taunus-Kreis und Pressesprecher. Mehr als 10.000 Einsätze hat er begleitet. Heute arbeitet er als Coach und Ausbilder für Deeskalation und mentale Stärke.
„Unsere Gesellschaft hat sich stark verändert – der Respekt vor der Uniform ist weitgehend verschwunden“, sagt Zengeler. Früher sei man freundlich empfangen worden, heute werde sich beschwert, weil das Einsatzfahrzeug im Weg stehe. Angriffe, Beschimpfungen oder Bedrohungen seien längst keine Ausnahme mehr.
Auch in Bensheim zeigt sich, dass die Einsatzkräfte zunehmend belastet sind: Beim diesjährigen Winzerfest etwa wurde ein Mitarbeiter der Stadtpolizei nach dem Umzug von einer Autofahrerin angefahren, die trotz mehrfacher Ansprache eine Straßensperrung missachtete. Der Beamte wurde verletzt und musste ins Krankenhaus.
„Diese Vorfälle zeigen, wie wichtig Schulungen sind, die Einsatzkräfte auf solche Situationen vorbereiten – nicht nur fachlich, sondern auch psychisch“, betont Stadtbrandinspektor Jens-Peter Karn. „Während Fachausbildungen und technische Trainings selbstverständlich sind, bleiben Deeskalationstrainings bislang die Ausnahme. Die Stadt Bensheim setzt hier ein klares Signal.“
Dem Flächentraining vorausgegangen war ein spezieller Workshop für Führungskräfte der Feuerwehren und Hilfsorganisationen. Dabei ging es um die Frage, wie Einsatzleitungen ihre Teams in extremen Belastungssituationen wirksam schützen und unterstützen können. Neben Deeskalations- und Abwehrtechniken wurden Strategien zur Kommunikation, Resilienz und Führungsstärke unter Druck vermittelt.
In seinen Trainings vermittelt Zengeler, worauf es ankommt: „Wir können die Gesellschaft nicht verändern – aber wir können lernen, besser mit ihr umzugehen. Wer versteht, warum Gewalt entsteht und welche Dynamiken dahinterstehen, kann sich und sein Team gezielter schützen. Kommunikation ist der Schlüssel.“
Nach mehreren schweren Einsätzen und persönlichen Verlusten begann Zengeler, sich intensiv mit psychischer Belastung im Feuerwehrdienst auseinanderzusetzen. „Zwei Kameraden habe ich verloren – einer im Einsatz, einer durch Suizid. Das war mein Wendepunkt“, erzählt er offen. „Ich habe erkannt, dass wir viel über Technik, aber kaum über Psyche reden. Das wollte ich ändern.“ Heute sieht er sich als Brückenbauer zwischen Einsatzrealität und mentaler Gesundheit. „Feuerwehrleute und Rettungskräfte müssen körperlich fit sein – aber auch seelisch widerstandsfähig. Wer das vernachlässigt, riskiert langfristig die Gesundheit seiner Leute“, kommentiert er im Parktheater.
Dass die Schulung nachhallte, zeigte sich bereits kurz nach den beiden Abenden. Hermann Zengeler erhielt zahlreiche Rückmeldungen – einige davon sehr persönlich. Zwei Feuerwehrangehörige berichteten offen von bereits bestätigten posttraumatischen Belastungsstörungen, deren Folgen sie auch Jahre später noch im Alltag spüren. Drei weitere schilderten deutliche Symptome einer möglichen Belastungsstörung. Mit zweien von ihnen wird Zengeler in einem persönlichen Gespräch klären, wie sie gezielt Unterstützung erhalten können.
Drei Teilnehmende zeigten klare Anzeichen eines Überlastungssyndroms bis hin zum Burnout, wie Zengeler berichtete. „Hier war es mir wichtig, nicht nur zuzuhören, sondern konkrete Empfehlungen auszusprechen – und deutlich zu machen, dass Hilfe kein Zeichen von Schwäche ist.“
Andere wiederum hätten gezeigt, dass mentale Krisen bewältigbar sind: Drei Männer und Frauen berichteten, wie sie trotz Überlastung die „Kurve bekommen“ haben – ein Zeichen großer innerer Stärke. Zwei von ihnen lud Zengeler zu einem Podcast ein, um öffentlich zu zeigen, wie normal es ist, psychische Belastung zu erleben – und dass Offenheit darüber entlasten kann.
Besonders berührte den Dozenten eine E-Mail eines ehemaligen Jugendfeuerwehrmitglieds. Der Mann erinnerte sich daran, wie Zengeler und sein damaliger Stellvertreter einst einer Jugendgruppe die Nachricht über den Tod eines Kameraden behutsam überbringen mussten. Kurz darauf erkrankte der Jugendliche schwer an Krebs. Die Feuerwehr organisierte für ihn einen besonderen Tag bei der Flughafen- und Berufsfeuerwehr Frankfurt. „Er ist heute gesund – und war beim Vortrag wieder dabei“, erzählt Zengeler bewegt. „Ich hatte das längst vergessen. Aber solche Begegnungen zeigen mir, warum ich das tue.“
Mit der Flächenschulung und dem begleitenden Workshop hat die Stadt Bensheim einen weiteren wichtigen Schritt getan, um diejenigen zu stärken, die täglich für andere da sind. Das Programm verband praktische Übungen, rechtliche Grundlagen und psychologische Erkenntnisse – mit einem klaren Ziel: dass diejenigen, die helfen, selbst nicht allein gelassen werden.
Denn Stärke zeigt sich nicht nur im Einsatz – sondern auch darin, Hilfe anzunehmen, wenn man sie braucht.