Orange Day 2026: Bensheim setzt ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen

Pressemitteilungen Pressemitteilungen Kategorie Archiv 7 Minuten Lesedauer

Aktionsschild Hilfetelefon

Bensheim | 30. Oktober 2026 Eine Brötchentüte, die beim Frühstück auf dem Tisch liegt, ist zunächst nichts Besonderes. Doch eine Botschaft wie „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte!“ macht aus einem Alltagsgegenstand einen Gesprächsanlass. Sie erinnert daran, dass Gewalt gegen Frauen keine Privatsache ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft. Mit dieser Botschaft beteiligt sich die Stadt Bensheim auch 2026 am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November. Gemeinsam mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern setzt sie mit Aktionen, Informationsangeboten und einer Filmvorführung ein Zeichen für Solidarität mit Betroffenen und gegen jede Form geschlechtsspezifischer Gewalt.

„Gewalt kommt mir nicht in die Tüte!“ – eine Botschaft, die im Alltag ankommt

Eine der zentralen Aktionen im Kreis Bergstraße ist auch in diesem Jahr die Initiative „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte!“. Sie wurde vom Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt im Kreis Bergstraße, dem Frauenhaus Bergstraße e. V. sowie den Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Kreises Bergstraße ins Leben gerufen. Seit vielen Jahren machen die Beteiligten damit auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam – auf eine Weise, die Menschen ganz unmittelbar im Alltag erreicht.

In teilnehmenden Bäckereien werden Backwaren in Tüten mit dem Aufdruck „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte! Nein zu Gewalt an Mädchen und Frauen“ ausgegeben. Die Tüten enthalten Kontaktdaten wichtiger Hilfsorganisationen und Beratungsstellen in verschiedenen Sprachen. Damit vermitteln sie nicht nur eine klare Haltung, sondern zeigen Betroffenen und ihrem Umfeld auch, wo Unterstützung zu finden ist.

Die Aktion richtet sich erneut auch an Schulen. In Bensheim beteiligen sich 2026 das Goethe-Gymnasium, die Karl-Kübel-Schule, die Heinrich-Metzendorf-Schule, die Schillerschule und die Geschwister-Scholl-Schule. Damit sollen junge Menschen frühzeitig für unterschiedliche Formen von Gewalt, für Grenzverletzungen und für respektvolles Miteinander sensibilisiert werden. Die Tüten für die Schulen werden von Tyco Electronics gespendet. Die Brötchentüten für die Bäckereien werden aus Fördermitteln des Hessischen Ministeriums für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales finanziert, die aus Lotto-Mitteln stammen. Den Auftakt zur diesjährigen Brötchentütenaktion bildete ein Pressetermin am 27. Oktober an der Elisabeth-Selbert-Schule in Lampertheim.

Auch in Bensheim wird die Botschaft ganz konkret weitergetragen: Am Samstag, 7. November 2026, verteilt Bürgermeisterin Christine Klein gemeinsam mit Marion Vatter vom Frauenbüro und Vertreterinnen des Frauenhauses Bergstraße Brötchen in den Aktionstüten. Die erste Station ist von 9 bis 10 Uhr die Bäckerei Görtz in Bensheim-Auerbach. Anschließend geht es von 10.30 bis 11.30 Uhr in die Weststadt-Bäckerei Jakob.

Die Dringlichkeit dieses Engagements zeigen die aktuellen Zahlen: In Deutschland tötet alle zwei Tage ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Fast jeden Tag kommt es zu einem Tötungsversuch. Alle vier Minuten fügt ein Mann seiner Partnerin oder Ex-Partnerin Gewalt zu. Jede zweite Frau in Deutschland hat bereits sexuelle Belästigung erlebt. Und 90 Prozent der jungen Frauen empfinden starke bis extreme Angst, wenn ihnen nachts unbekannte Männer begegnen. Diese Zahlen veröffentlicht UN Women Deutschland im Rahmen der Kampagne „Orange the World 2026“, gestützt auf Daten unter anderem des Bundeskriminalamts und der Jugendtrendstudie 2025.

Hinter jeder Zahl stehen Menschen, deren Alltag von Angst, Kontrolle, Bedrohung oder körperlicher und psychischer Gewalt geprägt ist. Gewalt findet nicht nur in Beziehungen und hinter verschlossenen Türen statt. Sie begegnet Frauen auf der Straße, am Arbeitsplatz und verstärkt im digitalen Raum. Umso wichtiger sind Aufklärung, verlässliche Hilfsangebote und eine Gesellschaft, die nicht wegschaut.


Orange-Fahne am Rathaus: ein sichtbares Zeichen der Solidarität

Am Mittwoch, 25. November 2026, wird es auch am Bensheimer Rathaus sichtbar orange. Um 11 Uhr werden an der Kirchbergstraße 18 die Fahnen „Orange the World“ und für das „Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen“ gehisst. Die Aktion steht für die klare Botschaft: Gewalt gegen Frauen und Mädchen darf weder verharmlost noch hingenommen werden.

Im Anschluss sind Interessierte zu einem Come-Together im Frauenbüro in der Hauptstraße 53 eingeladen. Es bietet Gelegenheit zum Austausch und dazu, das Thema über den symbolischen Akt hinaus ins Gespräch zu bringen.

Die Fahnen-Hissung ist Teil der weltweiten UN-Kampagne „Orange the World“. Seit 1991 macht sie auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam. Jedes Jahr vom 25. November bis zum 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, setzen Menschen, Organisationen, Unternehmen und Kommunen mit der Farbe Orange ein Zeichen gegen Gewalt. Die 16 Aktionstage verbinden den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt mit dem Anspruch auf ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit.

2026 richtet UN Women Deutschland den Blick besonders auf die Verantwortung von Männern und Jungen. Die Botschaft lautet: Nicht alle Männer sind Täter, aber alle können Veränderungen initiieren. Es geht darum, Gewalt nicht zu dulden, sexistische Verhaltensweisen nicht als vermeintliche Normalität hinzunehmen, Betroffene zu unterstützen und im eigenen Umfeld Verantwortung zu übernehmen. Prävention beginnt dort, wo Grenzen respektiert, Übergriffe klar benannt und gewaltfördernde Einstellungen entschieden hinterfragt werden.

Filmabend am 27. November: hinschauen statt schweigen

Wie tief sexualisierte Gewalt in gesellschaftliche Strukturen hineinwirkt und was es bedeutet, wenn Betroffene mit ihren Erfahrungen allein gelassen werden, steht auch im Mittelpunkt einer weiteren Veranstaltung in Bensheim.

Am Freitag, 27. November 2026, wird um 19 Uhr im Luxor-Filmpalast Bensheim der Film „Promising Young Woman“ gezeigt. Der Film erzählt von einer jungen Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und einer Gesellschaft den Spiegel vorhält, die sexualisierte Gewalt allzu oft verdrängt. Er ist ein fesselnder und bewegender Beitrag zur Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit, Verantwortung und dem Mut, nicht zu schweigen.

Begleitend zur Filmvorführung ist im Foyer die Ausstellung „Gewalt gegen Frauen“ des Hessischen Ministeriums für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales zu sehen. Sie beleuchtet unterschiedliche Dimensionen geschlechtsspezifischer Gewalt. Dazu gehören unter anderem häusliche Gewalt in ländlichen Räumen, die Istanbul-Konvention als internationales Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt sowie sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten.

Der Eintritt zum Filmabend ist frei. Um besser planen zu können und sich einen Platz zu sichern, wird empfohlen, vorab ein kostenloses Ticket zu reservieren. Karten gibt es direkt im Luxor-Filmpalast Bensheim, Berliner Ring 26, oder online über die Website des Kinos.

Die Veranstaltung ist eine gemeinsame Initiative der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten im Kreis Bergstraße aus Bensheim, Bürstadt, Lampertheim, Lorsch und Viernheim sowie des Kreis-Frauenbüros. Unterstützt wird sie vom Luxor-Filmpalast Bensheim.

Hilfe erhalten – anonym und rund um die Uhr

Die Aktionen rund um den Orange Day sollen nicht nur sensibilisieren, sondern auch konkrete Wege aus der Gewalt aufzeigen. Denn Betroffene stehen häufig vor schwierigen Fragen: Wem kann ich mich anvertrauen? Wo bekomme ich Hilfe? Wie kann ich mich schützen? Und was ist, wenn ich noch nicht bereit bin, eine Anzeige zu erstatten oder die eigene Situation öffentlich zu machen?

Plakat Hilfetelefon "Ich will ohne Gewalt leben. Wer hilft mir dabei?!

Eine wichtige erste Anlaufstelle ist das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Unter der Nummer 116 016 erhalten Betroffene kostenlos, anonym und vertraulich Beratung – an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. Das Angebot ist mehrsprachig und barrierefrei. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie andere Menschen, die sich um eine betroffene Frau sorgen, können sich an das Hilfetelefon wenden.

Wer nicht telefonieren möchte, findet unter www.hilfetelefon.de weitere Möglichkeiten: Über einen geschützten Online-Bereich sind Beratungen per E-Mail und Chat möglich.

Der Sofort-Chat ist täglich von 12 bis 20 Uhr ohne Anmeldung erreichbar; für die Online-Beratung stehen Deutschkenntnisse voraussetzende Angebote zur Verfügung. Die Telefonberatung kann dagegen mithilfe von Dolmetscherinnen in verschiedenen Sprachen erfolgen. Auf Wunsch vermitteln die Beraterinnen Kontakte zu passenden Beratungsstellen und Schutzeinrichtungen vor Ort.

Informationen über passende Hilfsangebote können Betroffene über das Hilfetelefon und die örtlichen Beratungsstellen erhalten. Bei akuter Gefahr sollte die Polizei unter der Notrufnummer 110 verständigt werden.

Wie wichtig solche Angebote sind, zeigt der jüngste Jahresbericht des Hilfetelefons: Im Jahr 2025 wurden rund 69.500 Beratungskontakte verzeichnet – durchschnittlich etwa 190 pro Tag. Die Zahl der Anfragen von persönlich Betroffenen stieg gegenüber dem Vorjahr um 19 Prozent. Am häufigsten ging es um häusliche Gewalt, gefolgt von sexualisierter und psychischer Gewalt. Die Zahlen machen deutlich, wie groß der Bedarf an vertraulicher, niedrigschwelliger Unterstützung ist. Ein erstes Gespräch kann dabei helfen, die eigene Situation einzuordnen und Möglichkeiten für die nächsten Schritte zu finden. Entscheidend ist: Die Verantwortung für Gewalt liegt bei den Tätern – nicht bei den Betroffenen.

Flyer Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 116 016 mehrsprachig zum Download

Flyer Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 116 016 in Leichter Sprache zum Download


Ein Zeichen setzen – und Verantwortung übernehmen

Der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen erinnert an die drei Schwestern Patria, Minerva und María Teresa Mirabal, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik wegen ihres Widerstands gegen die Diktatur Rafael Trujillos ermordet wurden. Ihr Mut wurde zum Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung und Gewalt. 1999 erklärten die Vereinten Nationen den 25. November offiziell zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

In Bensheim wird dieser Aktionstag auch 2026 mit vielen Beteiligten gestaltet. Doch ein Zeichen am Aktionstag allein reicht nicht aus. Gewalt gegen Frauen zu beenden, ist eine dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe. Sie verlangt Aufmerksamkeit, konsequentes Handeln, Prävention und ein Umfeld, das Betroffene ernst nimmt. Die Stadt Bensheim ruft deshalb dazu auf, nicht wegzusehen, bei Grenzverletzungen Haltung zu zeigen und die verfügbaren Beratungs- und Hilfsangebote bekannt zu machen. Denn ein Leben frei von Gewalt ist kein Privileg, sondern ein Recht.